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Hochkarätiges Referenten-Treffen in Berchtesgaden

"Das Wichtigste ist das Leuchten der Augen meiner Tochter", erzählt Josef Schild, Vater der österreichischen Olympiamedaillengewinnerin Marlies Schild...

Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Die Psyche des Leistungssportlers stand im Zentrum des 7. Internationalen Symposiums für Sportpsychologie. Ausrichter waren zwei Eliteschulen des Sports: das SSM Salzburg und die CJD Christophorusschulen Berchtesgaden, in deren Refugium die Veranstaltung von 24.-25. November 2010, stattfand. Die renommiertesten Sportpsychologen im deutschsprachigen Raum beschäftigten sich mit der Befindlichkeit der jungendlichen Leistungssportler. "Die entscheidende Basis ist der Selbstwert. Er setzt sich aus der eigenen Einschätzung der Bereiche Leistung, soziales Umfeld, Attraktivität des eigenen Körpers und der Emotionen zusammen."

 

"95 Prozent der Leistungssportler haben eine gute Psyche. Nur 6 Prozent sind problematisch", sagt Jens Kleinert von der Sporthochschule Köln. Er unterstrich aber auch, dass diese Quote nicht von der der normalen Bevölkerung abweiche. "Depression kann behandelt werden. Sie ist im Normalfall kein Grund, um keinen Leistungssport betreiben zu können", unterstreicht Kleinert. Ein wichtiges Feld des praktischen Ansatzes liegt an der Untersuchung des Drop Out, dem Ausscheiden von Talenten aus dem System. Und das hängt nicht, wie oft vermutet, mit fehlendem Talent zusammen.

 

Auszeiten für Regeneration

80 Prozent der Aussteiger sind zwischen 12 und 17 Jahren alt. Pro Jahr geben 5 - 20 Prozent der Jährgänge auf. "Meist stellt sich schon ein paar Monate vor dem Aus eine schlechte Befindlichkeit ein", erklärt Kleinert. Dabei gaben die jungen Sportler unter anderem Schlafprobleme an. "Was mich erschreckt ist, dass sich 30-40 Prozent der Befragten am Morgen zerschlagen fühlen", unterstreicht der Psychologe. Dabei sei Schlaf ein extrem wertvolles Mittel der Regeneration. "Vor allem der Mittagsschlaf ist immens wirkungsvoll, um das am Vormittag Erlebte verarbeiten zu können. Die Untererholung im Sport ist ein Problem, das zu Defekten des Immunsystems und auch zu Burn Out führen kann", fügt Prof. Dr. Jürgen Beckmann von der TU München an. Er selbst fand im Rahmen einer Studie heraus, dass die betroffenen Sportler eine negative Entwicklung ihrer eigenen Energieempfindung haben. Deshalb braucht der junge Athlet, der in der schwierigen und zugleich spannenden Zeit zwischen 12 und 17 Jahren Spitzenleistung erbringt, das außersportliche Umfeld bestehend aus Familie und Freunden als Ruhepol. "Bei uns daheim kann Marlies entspannen. Wir reden nicht übers Skifahren. Sie soll und kann vollständig abschalten", berichtet Skivater Josef Schild. "Die Eltern müssen ihren Kindern das Gefühl geben, dass sie sie uneingeschränkt lieben und nicht wegen irgendwelcher Erfolge", hebt Dr. Wörz, selbst Olympiateilnehmer im Bobsport, sowie Organisator des Symposiums und Geschäftsführer des SSM, hervor.

 

Der Athlet - der selbstbestimmte Experte

Den Mut zur Pause oder zu einer längeren Auszeit mahnte auch Tobias Hinterseer, österreichischer Kaderfechter und SSM-Absolvent, an: "Man muss nach dem Ende der Schulzeit nicht gleich die Welt einreißen und alles gleichzeitig machen. Eine Pause kann auch nicht schaden, wenn sie der Aktive haben will. Er muss wieder Energie tanken können." Diesen kraftvollen Schritt bedingt einen selbstbestimmten jungen Menschen. "Wir müssen endlich damit anfangen, den Sportler als Experten zu sehen", sagt Dr. Beckmann, selbst  ehemaliger Bundestrainer der deutschen Alpinskifahrer und ehemaliger Trainer von Markus Wasmeier. Den autonomen jungen Menschen im Spagat zwischen Schule und Sport zu fördern, ist auch eines der Ziele der Eliteschule Berchtesgaden. "Wir geben unseren Jugendlichen Hilfestellung in Form von Nachhol- oder Förderunterricht. Es ist uns aber auch wichtig, dass die Schüler zu uns kommen, wenn sie Unterstützung benötigen. Sie kennen ihre Situation am besten", sagt Schulleiter Stefan Kantsperger. Er sieht keine Konkurrenz zwischen Schule und Sport. In der höchst gelegenen Sport-Eliteschule Europas sei die Ausfallquote der Topathleten eher gering. Das zeigt die Stärke, die in dem frühzeitigen Erkennen der Probleme liegt. "Unsere Aufgabe ist es, präventiv zu arbeiten", erklärt der renommierte Mentalcoach Dr. Thomas Wörz. In dieser Arbeit, die sich mit der Regulation der Emotionen rund um Training und Wettkampf befasst, werden viele gute Techniken zur emotionalen Steuerung eingeübt. Die Hürden, die in den Jahren des Erwachsenwerdens zu meistern sind, stellen die anderen, extrem wichtigen Betätigungsfelder dar.

 

Große Herausforderung meistern

"Die psychischen Anforderungen sind im jugendlichen Alter sehr vielfältig. Der junge Mensch entwickelt seine eigene Identität, muss die Herausforderung Schule und Sport stemmen, entdeckt das andere Geschlecht. Er muss viele Erlebnisse verarbeiten", fasst Dr. Roland Seiler aus Bern zusammen. "Hier brauchen wir Systeme, die lern- und damit entwicklungsfähig sind", hebt Dr. Günter Amesberger, Leiter des Bereiches Sportpädagogik und Sportpsychologie in Salzburg, den Finger. Rechtzeitig negative Einflüsse zu entdecken und den damit verbundenen Stimmungen entgegenzuwirken, dafür bietet die Sporthochschule Köln interessante Module an. Eines davon ist www.webmood.de. "Hier stellen wir Fragebögen zur Verfügung, die sich mit der Befindlichkeit des Sportlers auseinandersetzen. Das ist eine hervorragende Werkbank zur Athletenverwaltung, bedingt aber ein großes Vertrauen zwischen Trainer und Athlet", sagt Dr. Jens Kleinert aus Köln. Ebenso so spannend ist das Projekt Mentaltalent.de. "Dabei hat sich gezeigt, dass Eigenerfahrung vor Lernerfahrung geht. Insbesondere wenn sich Sportler verschiedener Sparten treffen und von ihren Erfahrungen in der Stressbewältigung sprechen, bringt das immense Erfolge. Wir sehen die jungen Menschen, die wir betreuen, als Experten und helfen dort, wo es wirklich nötig ist", meint Kleinert. Das festigt den Selbstwert, stabilisiert die Psyche und fördert somit den selbstbestimmten jungen Leistungssportler.

 

Presseartikel: Münchner Merkur (PDFGröße: 782.05 KB)

 

Referenten_Web 

Auf dem Bild von links nach rechts: Prim. Dr. Josef Lecheler (Organisator und Medizinischer Leiter CJD Berchtesgaden) , Univ.-Prof. Dr. Günter Amesberger (Leiter des Bereiches Sportpädagogik und Sportpsychologie an  der Universität Salzburg) , Univ.-Prof. Dr. Jürgen Beckmann (Fakultät für Sportwissenschaften TU München) , Dr. Monika Niederstätter (Sporthochschule Mals, Südtirol), Dr. Thomas Wörz (GF SSM Salzburg und Organisator).

 

15.12.2010 11:32

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